Buchrezension: Untreue von Paulo Coelho
Wie kam ich zum Buch und wo habe ich es gelesen?
Von Paulo Coelho hatte ich vor Untreue bereits drei Bücher gelesen. Vor langer Zeit sein wohl bekanntestes Werk, Der Alchimist, vor ein paar Jahren mal das Buch Am Ufer des Rio Piedra saß ich und weinte und erst vor kurzem Veronika beschließt zu sterben. Ich lese Coelhos Bücher gerne. Sie regen mich zum Nachdenken an, berühren mich und machen mir immer wieder bewusst, wie wichtig es ist, zu sich selbst zu stehen und seinen eigenen Weg zu gehen.
Die Umstände, unter denen ich an Veronika beschließt zu sterben und Untreue kam, sind speziell: Nachdem meine Mutter vor ein paar Monaten gestorben ist, mussten meine Geschwister und ich ihre Wohnung ausräumen. In einem Anflug aus Sentimentalität hatte ich erst das Bedürfnis, möglichst viele persönliche Dinge wie schöne Möbelstücke, Wohnzimmerlampen und Gemälde mit zu mir nach Hause zu nehmen. Doch schnell merkte ich: Diese Dinge atmeten zu sehr den Geist meiner Mutter. So nah wollte ich sie gar nicht bei mir haben – schließlich war ein Teil von mir auch ziemlich erleichtert, dass sie von uns gegangen ist. Bei alltäglicheren Dingen wie Lebensmitteln, Haushaltsgegenständen oder eben Büchern hatte ich weniger Berührungsängste. Also habe ich ihr Bücherregal in Ruhe durchforstet und viele Titel gefunden, die mich interessierten. Und meine Mutter hatte einen guten Buchgeschmack. Ich glaube, ähnlich wie ich, hat sie sich sehr von Musik und Büchern berühren lassen. In diesem Punkt waren wir uns sehr ähnlich. Dass ein Werk es in ihr Bücherregal schaffte, war also durchaus ein Qualitätsmerkmal.
Untreue, das aus dem Jahr 2014 stammt, habe ich mir dann mit in meinen Allein-Urlaub genommen – und das war für mich die richtige Entscheidung. Denn wie der Klappentext mir verraten hat, geht es im Buch ums Fremdgehen, Leidenschaft, Sex und die dunklen Seiten der Intimität. Und solche Bücher kann ich definitiv entspannter lesen, wenn meine Frau bei der Lektüre nicht neben mir sitzt.
Worum geht es im Buch?
Das Buch erzählt aus der Ich-Perspektive die Geschichte von Linda, einer attraktiven 31-jährigen aufstrebenden Journalistin, die mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern, wie Coelho selbst, in einem Genfer Vorort wohnt. Das Ehepaar ist reich und beruflich erfolgreich. Es fehlt ihnen und ihren Kindern oberflächlich gesehen an nichts. Es wird allerdings schnell klar, dass es Linda nicht gut geht – für das, was sie fühlt, gibt es viele Worte: depressive Verstimmung, Sinnkrise, Thirdlife-Crisis oder Identitätskrise. Am Anfang des Buchs kann sie ihre Gefühle und ihre Stimmung nicht deuten und versucht, sich am gewohnten festzuhalten: an ihren Alltagsroutinen und vor allem an ihrem Selbstkonzept als liebevolle Mutter und Ehefrau. Doch dann gibt es im Buch diesen einen Moment, der ihr die Augen öffnet. Sie trifft Jacob, ihren ehemaligen Mitschüler, mit dem sie während der Schulzeit jugendlich unschuldig zusammen war. Jacob, inzwischen erfolgreicher Politiker, offenbart ihr in einem Interview für ihre Zeitung seine Unzufriedenheit, seine Einsamkeit und seine tiefsitzende Traurigkeit. Für Linda wird das zu einem bewussten Moment der Erkenntnis. Sie merkt, wie einsam auch sie sich fühlt. Obwohl sie ihren Mann liebt und dieser im ganzen Buch als verständnisvoll und unkompliziert beschrieben wird, konnte sie sich ihm bisher nicht offenbaren und über ihre Gefühle reden. Mit ihren Freundinnen und beruflichen Bekanntschaften kann sie auf einer tieferen Ebene ebenfalls schlecht über sich reden. Die Genfer High-Society, ja eigentlich fast die ganze Schweizer Gesellschaft, kommt im Buch nicht so gut weg: Man lässt sich lieber in Ruhe, konfrontiert den anderen nicht mit unangenehmen Gefühlen oder macht sich und anderen lieber etwas vor. Daher fühlt Linda sich fundamental einsam, was ihr zu Beginn aber niemand anmerkt, und beginnt eine Affäre mit Jacob. Zwischen beiden entwickelt sich eine On-Off-Beziehung mit Momenten brutaler Leidenschaft, ehrlicher Selbstoffenbarung, aber auch mit vielen Unsicherheiten und Rückzügen auf beiden Seiten. Coelho erzählt die Affäre in allen emotionalen und sexuellen Details und legt dabei einen besonderen Fokus auf das Innenleben der Protagonistin. Er spart aber die Personen am Rande nicht aus. Die Figuren von Lindas Mann, einem reichen Manager, und Jacobs Frau, einer erfolgreichen Professorin, werden geschickt in die Geschichte integriert. Ein besonderer Höhepunkt für mich war ein sich spontan aus einer beruflichen Begebenheit entwickelndes Abendessen beider Paare miteinander. Ohne dass dies explizit erwähnt wurde, wurde an diesem Abend beiden betrogenen Ehepartnern die Affäre bewusst. Ich habe die feindseligen Anspielungen der Protagonisten in diesem Gespräch geliebt.
Viel mehr möchte ich von der Handlung gar nicht erzählen und vor allem möchte ich nicht verraten, wie die Geschichte ausgeht – vielleicht magst du sie ja noch lesen.
Was habe ich am Buch besonders gemocht?
1 - Die radikale Offenheit der Innenwelt:
Ich liebe die Offenheit und Direktheit, mit der Coelho all die Zweifel, Unsicherheiten und auch die aggressiven Impulse der Protagonistin in ihrer Beziehung und in ihrer Affäre beschreibt. So etwas zu lesen, empfinde ich immer als entlastend und beruhigend. Es zeigt mir immer wieder, dass ich nicht der Einzige bin, der an sich selbst zweifelt, der unsicher ist, der in extremen Momenten Sorge hat, bald durchzudrehen oder der seiner Partnerin manchmal die Pest an den Kopf wünscht. So zu fühlen ist menschlich. Doch wir leben in einer Gesellschaft, die so tut und uns so erzieht, als wäre all das nicht gut und normal. Aus meiner therapeutischen Praxis weiß ich, dass gar nicht so wenige Menschen denken, sie wären mit solchen unliebsamen Gedanken, Gefühlen und Impulsen allein und mit ihnen würde irgendwas nicht stimmen. Bücher wie beispielsweise Untreue zu lesen, ist für mich deshalb immer sehr tröstlich, zeigt es mir doch immer wieder, dass wir mit unseren Zweifeln, Unsicherheiten und Verrücktheiten nicht allein sind.
2 - Das experimentelle Vorgehen der Protagonistin:
Mich hat beeindruckt, wie die Protagonistin sich im Laufe des Buches weiterentwickelt hat und wie ehrlich sie sich selbst gegenüber war. Ignoriert sie zuerst noch ihre Langeweile, Einsamkeit und Krise, wendet sie, nach einem stillen Moment der Erkenntnis, das Blatt. Sie sieht hin und stellt sich folgende Fragen: Was will ich? Was will ich nicht mehr? Und wie gestalte ich mein Leben, damit ich mich wieder lebendig und gut fühle? Auf diese Fragen entwickelt die Hauptfigur im Laufe des Buches ihre Antworten, wobei diese nicht auf logischem Nachdenken oder gar unproduktivem Grübeln beruhen, sondern auf einem eher experimentellen Vorgehen. Linda entscheidet oft spontan, impulsiv und gefühlsgetrieben und ist großartig darin, aus ihren neuen Erfahrungen die für sie passenden Schlüsse zu ziehen. Für mich ist ein solches Vorgehen immer noch ungewohnt und neu. Ich bin traditionell jemand, der eher kopfgesteuert, langsam und abwägend vorgeht. Daher mag ich an dem Buch, dass es mich in meinem Weg zu mehr Spontanität, Lebensfreude und Impulsivität bestärkt.
3 - Die Bedeutung eines gesunden Egoismus:
Das Buch zeigt mir, wie wichtig ein gesunder Egoismus für die eigene Entwicklung und für echte und gute Beziehungen zu den Mitmenschen ist. Lindas Egoismus zeigt sich in der Bejahung ihrer Affäre, aus der am Ende etwas Gutes erwächst, weil sie gut damit umgeht. Ich möchte hier aber keine Lanze fürs Fremdgehen brechen – das haben je nach Umfrage übrigens ein Viertel bis ein Drittel aller Deutschen getan. Ich plädiere erst einmal dafür, ehrlich zu sich selbst zu sein, seinem Partner selbstoffenbarend gegenüberzutreten (d.h. offen über die eigenen Ängste, Zweifel oder Ambivalenzen zu sprechen) und den Partner auch mit den eigenen Bedürfnissen und Wünschen zu konfrontieren. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer und anstrengend das oft ist, aber es lohnt sich total.
Wozu hat mich das Buch ganz spontan inspiriert?
Übrigens hat mich eine Szene im Buch zu etwas Wunderschönem inspiriert: Linda und ihr Mann machen einen Gleitschirmsprung in den Bergen. Als ich das las, dachte ich: Warum eigentlich nicht ich? Also bin ich – statt zu fliegen – mit einem Heißluftballon über die verschneiten Berge gefahren. Ohne dieses Buch wäre ich nie auf die Idee gekommen.
Ich hoffe, ich konnte dir Lust auf das Buch machen. Und vielleicht erzählst du mir irgendwann, wozu es dich inspiriert hat.