Willkommen im Warum-mache-ich-immer-diese-Scheiße-Club
Worum geht es?
Wie oft stehst du dir selbst im Weg? Wie oft hast du dir schon geschworen, eine bestimmte Verhaltensweise nie wieder zu zeigen oder ab morgen alles anders zu machen? Vermutlich öfter, als dir lieb ist. Ich kenne das jedenfalls gut von mir. Es passiert mir seltener und weniger heftig als früher, aber immer noch oft genug, dass ich mich dabei ertappe, wie ich mich selbst boykottiere. Das macht mich traurig, manchmal wütend – und vor allem beschämt es mich. Diese Scham spüre ich körperlich: Ich ziehe mich zusammen, würde am liebsten verschwinden und denke nur noch: „Fuck, warum ist mir das schon wieder passiert?“
Beispiele für diese Art von Selbstboykott gibt es unzählige: Vielleicht gehörst du zu denen, die jeden Abend mit dem festen Willen ins Bett gehen, nie wieder Alkohol zu trinken – nur um am nächsten Tag wieder zur Flasche zu greifen. Oder du willst seit einem Jahr eine Gehaltserhöhung fordern, bringst beim Mitarbeitergespräch aber kein Wort heraus. Vielleicht sabotierst du dich in Prüfungen oder Wettkämpfen, weil du dich innerlich nicht traust, erfolgreich zu sein. Obwohl du dir jedes Mal schwörst, es anders zu machen, tust du doch immer wieder die gleiche Scheiße.
Wenn dir das bekannt vorkommt, heiße ich dich herzlich willkommen im Warum-mache-ich-immer-diese-Scheiße-Club. Die meisten Mitglieder behalten ihre Clubkarte lieber für sich. Man ist nicht stolz darauf – und die Mitgliedsgebühren sind hoch: Traurigkeit über verpasste Chancen, Scham darüber, es nicht besser hinzukriegen, Wut auf die eigene Schwäche und die Angst, lebenslanges Mitglied zu bleiben.
Warum sind diese Muster so hartnäckig? Bei vielen von uns – auch bei mir – liegen die Ursachen in frühen Prägungen aus Kindheit und Jugend. Unser sogenanntes inneres Kind, also die Summe der damals erlernten Muster im Fühlen, Denken und Handeln, steht uns im Weg und verhindert, dass wir uns wie ein verantwortlicher Erwachsener verhalten. Und es gibt noch einen zweiten Grund, den wir oft übersehen: Diese Muster geben uns Sicherheit. Sie sind vertraut. Würden wir sie aufgeben, müssten wir uns der Angst vor dem Unbekannten stellen.
Über meine eigene Clubmitgliedschaft
Und weil man im Warum-mache-ich-immer-diese-Scheiße-Club nicht nur anonym bleiben sollte, erzähle ich euch jetzt, warum ich überhaupt Mitglied geworden bin. Wie so viele Menschen habe auch ich die Sehnsucht und das Bedürfnis, geliebt, gesehen und begehrt zu werden. Als ich ein kleiner Junge war, wurde mein Vater schwer krank, und weder er noch meine Mutter hatten genügend Zeit und Kraft, mir die emotionale Sicherheit zu geben, die ich damals gebraucht hätte. Ich begann zu glauben, dass ich die Zeit und Zuneigung meiner Eltern nicht in einem für mich ausreichenden Maß bekam, weil ich nicht liebenswert genug war. Ich war nicht genug und verdiente es nicht besser – mit diesem Glaubenssatz wuchs ich auf.
Trotz aller persönlichen Weiterentwicklung in den letzten zwanzig Jahren ist dieser Glaubenssatz auch heute noch tief in mir verankert. Ich fühle nicht mehr immer so, ich denke nicht mehr immer so und ich handle vor allem nicht mehr immer so – aber tief in meinem inneren Kern gibt es immer noch diesen Anteil, der glaubt, nicht wirklich liebenswert zu sein.
Für eine glückliche und stabile Partnerschaft ist das eine ziemliche Herausforderung. Wer so tickt wie ich, sollte sich eine starke Frau suchen, an deren Seite man wachsen kann. Genau so eine Frau habe ich gefunden – und darüber bin ich froh, dankbar und auch ein bisschen stolz. Sie ist nicht perfekt, und ich bin es auch nicht. Aber wir sind offen, ehrlich und mutig miteinander. Und das ist mehr wert als Perfektion. Wir bekommen es gemeinsam gut hin, weil wir am Ende über alles reden können und uns dann immer wieder nahe fühlen.
Doch selbst in einer guten und stabilen Beziehung stehe ich mir mit meinem alten Glaubenssatz oft genug im Weg. Selbst wenn ich vom Kopf her weiß, dass meine Frau mich liebt, meldet sich mein inneres Kind immer wieder und macht Alarm. An solchen Tagen fühle ich mich zunehmend unsicher, und mir gehen Gedanken durch den Kopf wie: „Liebt sie mich eigentlich richtig? Warum will sie mich nicht den ganzen Tag über küssen? Findet sie mich nicht attraktiv genug? Wieso hatten wir jetzt schon zwei Wochen keinen Sex? Was mache ich falsch, dass ich nicht jeden Tag einen innigen Liebesbeweis mit romantischem Dinner und heißer Nacht bekomme?“
Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie anstrengend solche Gedanken sind. Aber sie allein stellen für die Beziehung noch kein Problem dar. Problematisch wird es erst, wenn ich sie unbewusst ausagiere – also meinem inneren Kind die Kontrolle überlasse – und mein Verhalten danach ausrichte. Manchmal werde ich dann wütend und vorwurfsvoll. Das kommt nicht gut an und endet in kraftraubenden Diskussionen und Streits. In anderen Momenten werde ich anhänglicher und bittender – was eher zu mitleidigen Blicken führt und dazu, dass meine Frau sich abgestoßen fühlt.
In beiden Fällen bekomme ich also nicht das, was ich eigentlich so gerne hätte: Nähe, Anerkennung und Begehren. Stattdessen wächst meine Unsicherheit weiter, und ich werde immer wütender oder flehender und bedürftiger. Ein ziemlicher Teufelskreis, den wir erst beenden, wenn wir uns – meist mit vielen Tränen und Schamgefühlen meinerseits – zusammensetzen und in Ruhe über unsere Gefühle reden. In solchen Gesprächen fühle ich mich dann, ihr werdet es vielleicht erraten, wie ein kleines Kind. Aber gleichzeitig passiert etwas anderes: Ich fühle mich in diesen Momenten gesehen, angenommen und sicher. Und genau in dieser Sicherheit vermute ich einen Grund dafür, dass ich solche Situationen immer wieder selbst produziere.
Mir das alles vor Augen zu führen, macht mich traurig. Ich bin traurig, weil ich meine Frau durch dieses Verhalten viel zu oft von mir weggestoßen und uns beide um viele nahe Momente gebracht habe. Und es macht mich zusätzlich traurig, weil ich mir immer wieder in genau den Momenten im Weg stehe, in denen meine Frau von sich aus Nähe will. Als ob mein inneres Kind dieses Gewollt-Werden nur schwer akzeptieren könnte – und davor große Angst hat.
Was hat mir geholfen?
Ich habe im ersten Absatz angedeutet, dass ich mir heute weniger häufig und weniger stark selbst im Weg stehe als früher. Das bedeutet konkret: Ich bin reflektierter, kann besser darüber reden, merke meinen Selbstboykott schneller, kann früher über mich und mein Verhalten lachen und mich dafür entschuldigen. Ich habe viel weniger schlaflose Nächte und schlechte Tage, schäme mich weniger und setze mein Verhalten stärker ins Verhältnis zu all den positiven Eigenschaften, die ich ebenfalls habe. Dieser Fortschritt ist das Ergebnis jahrelanger therapeutischer Arbeit und Weiterbildungen – und er macht mich stolz. Deshalb möchte ich euch jetzt erzählen, was mir persönlich geholfen hat. Vielleicht findet ihr ja einen Anknüpfungspunkt für eure eigene Entwicklung.
Eigene Gefühle bewusst wahrnehmen – und sie nicht vor sich selbst leugnen
Mir hat es sehr geholfen, meine Traurigkeit zu spüren, statt sie wegzudrücken oder vor mir selbst zu leugnen. Und ich vermute, ihr kennt diese Art von Traurigkeit auch: die Traurigkeit der verpassten Chancen, der verpassten Momente, der selbstgewählten Einsamkeit. Auch in meiner therapeutischen Arbeit bemühe ich mich, Klientinnen und Klienten genau diese Gefühle bewusst spüren zu lassen. Denn ich glaube, dass jedes bewusste Fühlen dieser Traurigkeit es uns leichter macht, uns von alten Mustern zu verabschieden – in meinem Fall von meinem selbstboykottierenden Verhalten.
Die Scham zeigen – und aussprechen, wofür man sich schämt
Ich glaube, dass Scham unsere Weiterentwicklung massiv behindert, wenn wir sie verstecken und nicht teilen. Mir hat es ungemein geholfen, meiner Frau immer wieder zu sagen, wie sehr ich mich schäme. Und auch in meinen therapeutischen Supervisionsgruppen habe ich mich oft geschämt, wenn ich über meine Muster gesprochen habe. Das Aussprechen der Scham hatte für mich zwei wichtige Wirkungen: Erstens merkte ich, dass die Welt nicht untergeht. Und zweitens erlebte ich, dass andere mein selbstschädigendes Muster zwar überflüssig finden – aber mich trotzdem mögen und (im Falle meiner Frau) lieben. Hätte ich meine Scham nicht offen gemacht, hätte ich das nie erfahren.
Aufhören zu hoffen, dass irgendwann der große Aha-Moment kommt
Früher dachte ich, dass irgendwann der große explosive Aha-Moment kommt, in dem ich alle meine Selbstboykott-Mechanismen verstehe, sich alle Knoten lösen und ich mir nie wieder selbst im Weg stehen würde. Heute glaube ich, dass solche Momente vor allem in geschönten Selbsthilfebüchern und Hollywood-Filmen vorkommen. Es mag sie geben, aber für die meisten von uns bleiben sie eine trügerische Hoffnung.
Fortschritt, Weiterentwicklung und persönliches Wachstum bemessen sich nicht daran, dass nach einem großen Aha-Moment plötzlich alles anders ist. Sie zeigen sich darin, dass wir langsam kleinere Fortschritte machen. Weiterentwicklung bedeutet, dass wir uns nicht mehr immer im Weg stehen, sondern nur noch manchmal. Persönliches Wachstum heißt, dass wir uns nicht in jeder Situation im Weg stehen, sondern nur noch in einigen. Der Warum-mache-ich-immer-diese-Scheiße-Club ist dann kein Gefängnis mehr, in dem man jeden Tag gezwungenermaßen verbringt, sondern eher wie ein Hotel, in dem man nur noch ab und zu absteigt. Man weiß, dass es dort nicht schön ist, man kennt inzwischen viele bessere Hotels – aber manchmal braucht man das Gefühl noch einmal in diesem altbekannten Hotel abzusteigen, weil es vertraut ist.
Das innere Kind und seine wohlwollenden Motive verstehen
Vielleicht steht euch euer inneres Kind mit all seinen Verletzungen und alten Mustern heute im Weg. Das ist schmerzhaft. Und als erwachsene Menschen haben wir die Möglichkeit, unser Verhalten bewusst nicht nach diesem inneren Kind auszurichten. Mir hat es geholfen zu verstehen, dass meine alten Muster früher in meiner Kindheit durchaus sinnvoll waren. Mein Glaubenssatz – dass ich es nicht wert bin, ausreichend Liebe und Zuneigung zu bekommen – hat mir damals Sicherheit und Kontrolle gegeben. Indem ich das glaubte, musste ich eine Wahrheit nicht akzeptieren, der wir uns alle irgendwann stellen müssen: dass im Leben jederzeit etwas Schlimmes passieren kann und wir von einem Moment auf den anderen auf uns selbst zurückgeworfen werden können. Als kleiner Junge konnte ich das nicht aushalten. Also gab mir mein Glaubenssatz etwas, das sich sicher anfühlte: die Vorstellung, dass ich geliebt werde, wenn ich mich nur genug anstrenge und liebenswert genug bin, gab mir nämlich die aktive Möglichkeit etwas dafür zu tun, dass ich geliebt und nicht allein gelassen werde.
In dem Moment, in dem ich das verstanden habe, konnte ich liebevoller mit meinem inneren Kind umgehen – und es als wichtigen Teil von mir akzeptieren. An guten Tagen kann ich meine Stippvisiten im Warum-mache-ich-immer-diese-Scheiße-Club sogar als kleine Abstecher dorthin sehen, die ich meinem inneren Kind zuliebe mache. Schließlich fühlt es sich dort zuhause.
Abschließendes Fazit
Heute glaube ich, dass es im Leben nicht darum geht, nie wieder in alte Muster zu fallen. Es geht darum, weniger tief hineinzurutschen, schneller wieder herauszufinden und dabei freundlicher mit sich selbst zu sein. Vielleicht ist das der eigentliche Fortschritt: nicht Perfektion, sondern ein liebevollerer Umgang mit dem eigenen Chaos.
Und vielleicht erkennst du dich in manchen meiner Muster wieder. Wenn du magst, erzähl mir davon. Ich bin sicher, du bist nicht allein im Warum-mache-ich-immer-diese-Scheiße-Club — und vielleicht tut es gut, das einmal auszusprechen.
Kommentare zum Text
So wundervoll be- und geschrieben! Danke!!
Elena am 28.02.2026