Warum Gefühle der Schlüssel zu einem sinnhaften Leben sind - vom Gefühlslegastheniker zum Gefühlstrüffelschwein
Wie ich vom Kopfmenschen zum Gefühlssucher wurde
Vor ein paar Jahren hätte ich eher einen Blog über Steuerrecht geschrieben als über Gefühle. Ich war früher so etwas wie ein Gefühlslegastheniker. In meinem Elternhaus habe ich keinen gesunden Umgang mit Gefühlen gelernt, und später flüchtete ich mich in eine Depression – eine Krankheit, die es einem schwer macht, überhaupt irgendetwas zu fühlen. Die jahrelange Einnahme von Antidepressiva hat mir zwar geholfen, mich etwas weniger depressiv zu fühlen, aber sie hat mich auch davon abgehalten, meine Gefühle wirklich zu spüren und einen gesunden Umgang mit ihnen zu lernen.
Diese Zeit als Gefühlslegastheniker habe ich zum Glück hinter mir gelassen. Heute bin ich überzeugt, dass wir Menschen nur zufrieden sein können und unser Leben als sinnerfüllt erleben, wenn wir zu Gefühlstrüffelschweinen werden. Ich meine damit nicht, dass wir ständig im emotionalen Unterholz wühlen müssen. Ich meine damit, dass wir all unsere Gefühle – auch die oft fälschlicherweise als „negativ“ abgestempelten wie Wut, Traurigkeit und Angst – wahrnehmen, spüren, aushalten, ausdrücken und auf eine gute Weise in unser Leben integrieren. Dieses Gefühlstrüffelschwein bin ich zugegebenermaßen nicht immer. Auch ich kenne den Impuls, schmerzhafte Gefühle wegzudrücken oder zu ignorieren. Und es gibt immer noch soziale Situationen, in denen ich denke, der Ausdruck meiner Gefühle sei irgendwie fehl am Platz. Doch inzwischen überwiegen die Momente, in denen ich meine Gefühle suche und nicht meide.
Aus einer therapeutischen Perspektive bin ich ohnehin überzeugt, dass jedes einzelne Gefühl wichtig ist und seinen ganz eigenen Zweck erfüllt. Erst wenn ein Mensch in der Lage ist, alle seine Gefühle – nicht nur die angenehmen – differenziert wahrzunehmen und zu spüren, wird sein Leben wirklich lebendig, aufregend und sinnhaft.
In meiner Zeit als Gefühlslegastheniker habe ich lange vergeblich nach dieser Sinnhaftigkeit gesucht. Ich fragte mich verstandesmäßig, wo mein Platz im Leben sei – als könnte man das mit einer Künstlichen Intelligenz diskutieren. Ich war damals sehr im Kopf und dachte, man könne das Leben mit Excel-Tabellen lösen. Ich war analytisch, abwägend, an Normen und gesellschaftlichen Vorstellungen orientiert – und im Grunde meines Herzens ziemlich verzweifelt und leer.
Das Problem war: Mein Verstand war nicht mit meinen Gefühlen verbunden. Vielleicht kennst du das auch: dieses Gefühl, im Kopf zu leben und den Rest zu ignorieren? Meinem Denken und meinem ganzen Sein fehlte die gefühlsmäßige Begründung – und damit letztlich die Richtung und die Sinnhaftigkeit. Heute habe ich aufgehört, mit dem Verstand nach dem Sinn zu suchen. Ein sinnhaftes Leben zu führen, bedeutet für mich inzwischen, so oft wie möglich ein Gefühlstrüffelschwein zu sein. Denn meine Gefühle weisen mir die Richtung, in die ich gehen muss, um mein Leben zu einem Ort zu machen, der sich gut und sinnhaft anfühlt. Und genau daraus entstanden zwei Orte, an denen ich heute wirklich ich sein kann: mein therapeutisches Umfeld und meine Familie.
Wo meine Gefühle ein Zuhause finden
In meiner Praxis, in der ich mit Klientinnen und Klienten arbeite, und in meinen Supervisions- und Selbsterfahrungsgruppen begegne ich Menschen auf eine substanzielle und emotional berührende Weise. In diesen Begegnungen spüre ich mich selbst und mein Gegenüber – und etwas zwischen uns, das beide verändert und weiterbringt. Der Weg dorthin war lang: vom ersten Tag als Psychotherapiepatient über die Zeit in Selbsterfahrungsgruppen und Weiterbildungen bis zu den ersten Momenten, in denen ich selbst als Heilpraktiker für Psychotherapie mit Klienten gearbeitet habe. Dieser Weg war geprägt von Selbstzweifeln, Ängsten und Krisen. Doch vom ersten Moment an merkte ich, dass die therapeutische Arbeit an mir selbst mich meinen Gefühlen näherbrachte. Und auch wenn ich damals nicht wusste, wohin mich das führen würde – und obwohl ich große Angst vor Veränderungen hatte – spürte ich intuitiv, dass es mich voranbringen würde, mich mehr auf meine Gefühle einzulassen.
Im Privaten ist meine Familie dieser Ort. Erst vor ein paar Tagen hatte ich zuhause einen chaotischen und anstrengenden Tag: Trotz- und Pöbelphasen meiner Tochter, Beleidigt-Sein und Missverständnisse mit meinem Sohn, lebhafte Streitigkeiten mit meiner Frau – und zu allem Überfluss war ich auch noch Zuschauer nervenraubender Zickereien zwischen den anderen. In einigen Momenten wollte ich wahlweise ausziehen, weglaufen, im Boden versinken, mich im Bett verkriechen, rumschreien oder jemandem eine Sahnetorte ins Gesicht schmettern. Ich war wütend, traurig und ängstlich – im Wechsel oder gleichzeitig. Es war wirklich anstrengend.
Aber am Abend, nachdem ich das Essen vorbereitet hatte, hörte ich meine momentane Lieblingsmusik, ein Live-Album von Coldplay, und mir liefen Tränen der Rührung, Dankbarkeit und Zuneigung über die Wangen. Ich liebte diese Familie – jeden einzelnen auf eine andere Art und Weise – und die Stärke meiner Gefühle in ihrer Gegenwart vergegenwärtigte mir meine Liebe. Ich fühlte mich zufrieden und glücklich, nicht trotz, sondern wegen dieses emotionalen Tages. In solchen Momenten wird mir immer wieder etwas bewusst: Es gibt keine guten und schlechten Gefühle. Alle Gefühle sind wie Trüffel – man muss sie suchen und wertschätzen.
Ein Klavier mit sieben Oktaven: Die Vielfalt unserer Gefühle
Früher unterschied ich eigentlich nur zwischen guten und schlechten Gefühlen. Empfand ich Freude, sagte ich, es gehe mir gut. War ich dagegen wütend, traurig oder ängstlich, konnte ich das kaum differenzieren und sagte nur, es gehe mir schlecht. Diese Aufteilung in „gut“ und „schlecht“ teile ich heute überhaupt nicht mehr. Ich habe verstanden – und am eigenen Leib erfahren –, dass alle Gefühle sinnvoll und nötig sind und mir viel über mich, mein Leben und meine Bedürfnisse erzählen können.
Natürlich empfinde auch ich lieber Freude als Wut, Traurigkeit oder Angst. Doch ohne diese drei Gefühle wäre mein Leben nicht komplett, sondern langweilig und ohne Orientierung – ein Klavier will schließlich in allen sieben Oktaven bespielt werden und verkommt zu einem faden Instrument, wenn man immer nur eine einzige nutzt.
Wut ist für mich eine wichtige Kraftquelle. Sie zeigt mir, dass etwas nicht stimmt, und ermöglicht es mir, Hindernisse zu überwinden. Gleichzeitig fühle ich mich mit meiner Wut sehr lebendig und klar – ich kann mit ihr besonders gut für mich einstehen und mein Leben aktiv gestalten. Ohne meine Wut hätte ich mich nicht ausreichend von meinen Eltern lösen können, und ohne meine Wut hätte ich auch keine lebendige und bereichernde Beziehung.
Angst zeigt mir häufig, wo meine Wachstumsräume liegen. Sie weist mich auf das hin, was ich mir insgeheim wünsche, mir aber noch nicht zutraue – und zeigt mir damit, wohin ich wachsen will. Wenn ich meine Angst nicht wegdrücke, sondern sie aushalte und mitnehme, wird sie vom Hindernis zum Wegweiser. Ohne meine Angst hätte ich keinen Fallschirmsprung gemacht und niemals diesen Blog geschrieben.
Traurigkeit hilft mir, meine Sehnsüchte zu lokalisieren. Sie zeigt mir, was mir fehlt, was ich mir wünsche und momentan nicht habe. Sie führt mich zu den Dingen, die mein Herz sich wünscht. Außerdem ermöglicht mir die Traurigkeit das Loslassen – von Menschen, Situationen und vor allem von überholten Konzepten und Vorstellungen, die ich über mich hatte. Ohne meine Traurigkeit hätte ich meinen therapeutischen Berufsweg nicht einschlagen können.
Warum Kontrolle uns von uns selbst entfernt
Doch selbst wenn wir wissen, wie wichtig Gefühle sind, heißt das nicht, dass wir gut mit ihnen umgehen. Gefühle kommen und gehen, bauen sich langsam auf, erreichen ihren Höhepunkt und ebben dann wieder ab. Oft tauchen sie unangemeldet auf – und je mehr du versuchst, sie zu kontrollieren, desto angespannter wirst du. Und wer angespannt ist, lebt weniger gut. Ich habe viel zu lange versucht, mich und meine Gefühle zu kontrollieren. Ich wollte durch mein Verhalten vermeiden, Angst zu haben, traurig oder wütend zu werden. Das hat mich enorm viel Energie gekostet und mich oft sehr unentspannt sein lassen. Viele schöne Erfahrungen habe ich nicht gemacht, weil ich zu sehr damit beschäftigt war, mir unliebsame Gefühle vom Leib zu halten. Diese Erkenntnis macht mich heute traurig. Und diese persönlichen Erfahrungen prägen heute meine therapeutische Arbeit.
Gefühle sichtbar machen: Meine therapeutische Haltung
In meiner Arbeit mit Therapie- und Coachingklienten begegne ich häufig Menschen, für die – ähnlich wie früher für mich – Gefühle ein Fremdwort sind. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Klienten Mitte dreißig, der in den ersten Stunden oft von seinem Verdacht sprach, unter Alexithymie zu leiden. Dieser etwas sperrige Fachbegriff beschreibt eine Persönlichkeitseigenschaft, bei der es schwerfällt oder sogar unmöglich ist, Emotionen zu erkennen, zu benennen und sprachlich auszudrücken.
Der Klient saß mir gegenüber, erzählte aus seinem Leben, und ich sah ihm seine Wut und Traurigkeit an. Doch wenn ich ihn fragte, wie es ihm gerade gehe, konnte er mir kein Gefühl nennen. Stattdessen fokussierte er auf körperliche Empfindungen oder rationalisierte alles weg, was auch nur in die Nähe von Gefühlen kam. Es brauchte einige Interventionen, Übungen und Konfrontationen. Umso größer war meine Freude, als dieser Klient nach ein paar Monaten begann, seine Gefühle wahrzunehmen, sie mir gegenüber zu äußern und im Nachgang produktiv mit ihnen zu arbeiten.
Meine eigenen Erfahrungen im Umgang mit Gefühlen lasse ich bewusst in meine therapeutische Arbeit als Gestalttherapeut einfließen. Unabhängig davon, welche Ziele meine Klienten mitbringen, ist es für mich immer ein zentrales Anliegen, sie darin zu bestärken, sich selbst und ihre Gefühle besser wahrzunehmen. Ich bestärke meine Klienten darin, ebenfalls Gefühlstrüffelschweine zu werden. Diese Haltung liegt im Wesen der Gestalttherapie – der therapeutischen Richtung, in der ich ausgebildet wurde.
In der Gestalttherapie gelten Gefühle als zentrale Orientierungspunkte unseres Erlebens. Sie zeigen uns, was uns fehlt, was wir brauchen und was uns bewegt. Nur wenn wir sie wahrnehmen, ausdrücken und unser Handeln an ihnen orientieren, sind wir in gutem Kontakt mit uns selbst, unseren Mitmenschen und unserer Umwelt. Dann können wir stimmig handeln und uns das holen, was wir brauchen. Wenn wir dagegen nicht bereit sind, unsere Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken, blockieren wir den Kontakt – zu uns und zu anderen. Beziehungen werden weniger lebendig, und wir bekommen von unserer Umwelt seltener das, was wir brauchen. Genau deshalb wird ein Gestalttherapeut immer versuchen, seine Klienten zu ermutigen, ihre Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken, um sie mit der Energie ihrer Gefühle in Bewegung zu bringen und persönliches Wachstum zu ermöglichen.
Vielleicht fragst du dich, wie ich konkret mit meinen Klienten an der Wahrnehmung ihrer Gefühle arbeite. Im ersten Schritt nutze ich meine eigene Wahrnehmung. Ich beobachte vor allem die Körperreaktionen der Klienten, während sie erzählen, mache ihnen bewusst, was ihr Körper mir gerade verrät, und versuche, sie über ihren Körper an ihre Gefühle heranzuführen.
Diese Methode hat bei mir selbst früher hervorragend funktioniert. Meine erste Gestalttherapeutin wies mich immer wieder auf Bewegungen und Körperhaltungen hin, die ihr auffielen. Die Gestalttherapie arbeitet in solchen Fällen oft mit dem Instrument der Verstärkung. Meine Therapeutin bat mich zum Beispiel, meine Hände – die ich unbewusst ineinander verschränkt und fest zusammengedrückt hatte – noch stärker zusammenzupressen. Dadurch wurde mir klar, dass ich mir selbst weh tat. In der Reflexion erkannte ich die Parallele: Auch in der Situation, über die wir zuvor gesprochen hatten, tat ich mir weh, indem ich nicht das tat, was ich wollte, mich zurückhielt oder nicht für mich einstand. Ich konnte das nicht bewusst wahrnehmen oder verbal ausdrücken, aber meine Hände hatten es für mich getan. Als mir das bewusst wurde und meine Therapeutin mich den Satz „Ich tue mir weh.“ aussprechen ließ, war jedes Leugnen zwecklos. In solchen Momenten wurde ich oft sehr traurig – und genau diese Traurigkeit war essenziell wichtig, weil sie mich dazu inspirierte, endlich etwas zu verändern.
Ich habe damals ganz persönlich erfahren, wie gut es funktioniert, sich über die Wahrnehmung des eigenen Körpers und seiner unbewussten Ausdrucksweisen an die eigenen Gefühle heranzutasten. Dieses Vom-Körper-an-die-Gefühle-Kommen ist für mich heute ein zentraler Bestandteil des therapeutischen Prozesses und bei vielen Klienten in den ersten Stunden der Fokus.
Im nächsten Schritt schaue ich darauf, was meine Klienten alles tun, um ihre Gefühle nicht wahrnehmen zu müssen. Jeder hat seinen eigenen Werkzeugkasten, mit dem er sich selbst und andere belügen oder von Gefühlen ablenken kann – manche bringen gleich einen ganzen Baumarkt an Vermeidungstechniken mit. Ich war zum Beispiel ein Meister des Mir-Dinge-Schönredens und des Wegrationalisierens – beides hat mir lange geholfen, nicht spüren zu müssen, wie traurig, einsam und verzweifelt ich mich fühlte.
Meine Klienten nutzen ganz unterschiedliche Strategien: Es gibt die Ich-konfrontiere-dich-mit-meiner-Wut-damit-du-nicht-nachbohrst-Klienten, die Ich-wechsele-das-Thema-sobald-es-emotional-wird-Klienten, die Ich-schwafele-solange-bis-du-einschläfst-Klienten – und viele andere Varianten von Ablenkungsmanövern. Als Therapeut muss ich in solchen Momenten standhaft bleiben, mich nicht ablenken lassen und den Klienten dadurch ermöglichen, sich die Gefühle, die sie nicht spüren wollen, doch zu erschließen und in ihr Leben zu integrieren.
Wenn das gelingt, folgt die Phase, in der lange aufgestaute Gefühle endlich auftauchen dürfen. Klienten spüren dann zum Beispiel ihre Wut, die sie so lange unterdrückt haben, werden energisch und beginnen, Dinge in ihrem Leben zu verändern. Oder sie dürfen endlich traurig sein, weinen viel und fühlen sich dadurch erleichtert und entspannter, sodass sie loslassen können, was sie so lange belastet hat. Vielleicht spüren sie auch ihre Angst zum ersten Mal richtig deutlich und können dadurch beginnen, mit ihr zu arbeiten. Das sind in Therapien oft die Momente, in denen ich mich besonders freue, weil ich sehe, dass meine Klienten sich wieder spüren – und sich dadurch auch ihr Leben verändert.
Abschließend geht es dann meist darum, zu üben: immer besser darin zu werden, die eigenen Gefühle differenziert wahrzunehmen, immer weniger Strategien anzuwenden, um sie zu leugnen oder wegzudrücken, und immer häufiger die eigenen Gefühle angemessen zu äußern. Der therapeutische Raum ist dabei ein guter Übungsraum, um Gefühle direkt, offen und authentisch auszudrücken. Draußen in der Welt wird es aber Situationen geben, in denen man sich im Ausdruck seiner Gefühle etwas zurückhalten möchte. Im therapeutischen Raum mag es sinnvoll sein, den Chef als Arschloch zu beschimpfen und ihm gedanklich in den Bauch zu boxen – im echten Leben sollte man seine Wut zwar wahrnehmen, aber den Kopf einschalten, um zu überlegen, wie man sie sozial verträglich äußern kann.
Was ich meinem Sohn – und eigentlich jedem Menschen – wünsche
Ich hoffe, ich konnte dir deutlich machen, wie wichtig Gefühle im Leben sind, wie ich sie in meine therapeutische Arbeit integriere und warum ich überzeugt bin, dass es keine guten oder schlechten Gefühle gibt. Ich könnte noch so viel mehr über Gefühle schreiben! Daher werde ich in den nächsten Wochen meine Gedanken zu den verschiedenen Gefühlen noch vertiefen und jedem der vier Grundgefühle – Wut, Angst, Traurigkeit und Freude – einen eigenen Blogbeitrag widmen.
Ich würde mich sehr freuen, wenn du mir von deinen eigenen Erfahrungen im Umgang mit Gefühlen schreibst: Welche Gefühle haben dir in welchen Situationen geholfen? Wie nimmst du die verschiedenen Gefühle wahr? Was tust du, um deine Gefühle nicht wahrnehmen zu müssen? Und welchen Rat würdest du deinen Kindern oder Freunden geben, wie sie gut mit ihren Gefühlen umgehen können?
Die letztgenannte Frage habe ich mir vor ein paar Monaten auch gestellt und meinem elfjährigen Sohn Briefe über Gefühle geschrieben. Ich schreibe einfach so gerne. Deshalb bekommen meine Familienmitglieder manchmal Briefe oder Karten von mir. Außerdem fällt es mir in manchen Situationen oder bei manchen Themen leichter, über meine Gefühle zu schreiben als über sie zu reden. Aus einem dieser Briefe möchte ich an dieser Stelle zum Abschluss zitieren. Dieser Teil des Briefes fasst zusammen, was ich meinem Sohn – und eigentlich jedem Menschen – über Gefühle mitgeben möchte:
Ich wünsche dir, dass du all deine Gefühle wahrnehmen, benennen und äußern kannst – und dass sie dich in deinem Handeln und in deinem Sein leiten und dir den Weg weisen. Schärfe deine Wahrnehmung für deine Gefühle. Umgib dich mit Menschen, denen du deine Gefühle offenbaren magst, die dir ehrlich von ihren eigenen Gefühlen erzählen und die dich darauf aufmerksam machen, wenn du deine Gefühle verleugnest. Nutze dann deinen Verstand, um zu entscheiden, wie du am besten handeln kannst, damit deine hinter den Gefühlen liegenden Bedürfnisse erfüllt werden und du ein für dich gutes Leben hast. Gefühle können wunderbare Wegweiser sein, wenn du ihre Auslöser verstehst und bereit bist, sie auszuhalten. Deinen Verstand brauchst du, wenn es darum geht, dich auf den Weg zu machen und möglichst unbeschadet anzukommen. Denn oft wirst du auf deinem Weg auf Widerstände stoßen – und genau dann brauchst du sowohl deine Gefühle als auch deinen Verstand.
Kommentare zum Text
Danke für diesen schönen Text. Ich habe ihn gern gelesen. Während einer schweren Zeit habe ich zufällig das Lied "Sein" von Andreas Bourani gehört. Darin gibt es folgende Zeile: "Ich stelle alles, was ich fühle, über alles, was ich weiß". Das hat mir geholfen, meine Gefühle ernstzunehmen. Heute speisen sie meinen inneren Kompass mit wichtigen Informationen. Auch wenn es nebelig wird, darf ich auf ihn vertrauen. Im Umgang mit meinen Kindern hat mich Robert Betz inspiriert, der in etwa sagte: "Alle Gefühle sind meine Freunde. Sie sind gekommen, um mir eine wichtige Botschaft zu überbringen. Sie werden wieder gehen, sobald ich ihre Botschaft wirklich verstanden habe".
Robi am 19.03.2026